Übersicht den älteren Zitaten des Monats

Rekapitulation von älteren Zitaten des Monats auf der Hauptseite. Bezeichnung Zitat des Monats trifft nicht ganz zu, weil es sich um die Auszüge aus den Werken von Anne Golon handelt, die in geeigneter Weise die Atmosphäre der Zeit zum Ausdruck bringen. In der Regel entsprechen die Zitate dem momentanen Jahreszyklus und dem Wetter. Und natürlich auch den kulturellen Traditionen (Bräuchen) passend zu der aktuellen Jahreszeit.

November 2017

In Wapassou sah es schon recht herbstlich aus. Die Schwäne, die Enten, die weißen Gänse und die Ringelgänse waren über das Fort hinweggezogen, und die Vögel hatten ein Kreuz am Himmel gebildet, ein Kreuz aus schwarzen Punkten. Die Bienen hatten ihre Waben noch in den Zweigen errichtet. Dies war ein Zeichen, daß es einen strengen Winter geben würde. Madame Jonas beeilte sich, Angélique die Vorräte vorzuführen, die für den Winter angelegt worden waren. Sie zeigte ihr das Obst, das geschnitten und an Fäden zum Trocknen aufgehängt worden war. Es gab wilde Beeren, Birnen, Walnüsse, Haselnüsse, Bucheckern und Pilze verschiedener Sorten. Für den Fall äußerster Not hatten die Frauen Klettenwurzeln gesammelt, die man in Salzwasser garkochen konnte, außerdem Eicheln, die eßbar waren, falls man nach dem ersten Kochgang den Sud fortschüttete. (Golon, Anne. Angélique und die Hoffnung. Gütersloh: Bertelsmann Reinhard Mohn OHG, 1985, Seite 372)

Oktober 2017

Er trat ein. Er ahnte, daß sie schon schlief. In der Luft hing noch der Duft eines Parfüms, das ihm so vertraut geworden war. Er mußte lächeln, als er die achtlos hingeworfenen Kleider sah. Wo war die wilde, kleine Hugenottin von La Rochelle in Dienstmagdkleidern, die der Rescator auf der Reise nach Amerika in seine Luxuskabine hatte kommen lassen, um zu versuchen, sie zu zähmen? Und wo war die Pionierin, die während jenes schrecklichen Winters am oberen Kennebec nicht von seiner Seite gewichen war und ihm mit ihrem grenzenlosen Mut beigestanden hatte? Er hob ein Spitzenkorsett auf, das ihre wundervollen Rundungen ahnen ließ. Erst anonyme Dienerin, dann tapfere Kameradin eines Eroberers der Neuen Welt, war seine Angélique schließlich wieder Madame de Peyrac, Comtesse de Toulouse geworden. »Gott hat es so gewollt«, murmelte er und warf einen leidenschaftlichen Blick zum Alkoven hinüber, wo sich ihr prächtiges Haar über die Kissen breitete. (Golon, Anne. Angélique und die Verschwörung. Gütersloh: Bertelsmann Reinhard Mohn OHG, 1979, Seite 75-76)

September 2017

Der September kam und war kalt und regnerisch. »Es wird Winter«, seufzte Pain-Noir und flüchtete mit seinen durchnäßten Hadern ans Feuer. Das feuchte Holz zischte im Kamin. Ausnahmsweise warteten die Bürger und Kaufleute von Paris nicht Allerheiligen ab, um ihre Winterkleider hervorzuholen und sich zur Ader zu lassen, den Traditionen der Hygiene gemäß, die empfahlen, sich bei jedem Wechsel der Jahreszeiten, also viermal im Jahr, der Lanzette des Chirurgen zu überliefern. Aber die Edelleute und die Gauner hatten andere Sorgen, als sich über Regen und Kälte zu unterhalten. Alle hohen Persönlichkeiten des Hofs und der Finanzwelt standen unter dem Eindruck der Verhaftung des steinreichen Oberintendanten der Finanzen, Monsieur Fouquet. (Golon, Anne. Angélique. München: Blanvalet, 1956, Seite 562-563)

August 2017

Diesmal war es ein Lächeln, mit dem er ihre Worte bremste. Es enthüllte den Schimmer prachtvoll gebliebener Zähne. Es war gewiß das Lächeln des Letzten der Troubadours, doch verschleiert von ei nem melancholischen Gefühl der Enttäuschung und Ernüchterung. »Fünfzehn Jahre, Madame! Denkt daran! Es wäre eine unwürdige und dumme Komödie, wenn wir versuchen wollten, uns zu belügen. Wir beide haben inzwischen andere Erinnerungen gesammelt. Andere Lieben …« Es war, als ob die Wahrheit, der sie sich ins Gesicht zu sehen weigerte, sie wie die geschärfte, eiskalte Spitze eines Dolches durchdrang. Sie hatte ihn wiedergefunden, aber er liebte sie nicht mehr. In den Träumen ihres ganzen Lebens hatte sie ihn immer gesehen, wie er ihr die Arme entgegenstreckte. Diese Träume – es wurde ihr heute klar – waren kindisch wie die meisten weiblichen Phantasievorstellungen. Das Leben prägt seine Spuren in einen härteren Stoff als das simple, weiche Wachs der Träume. Seine Form gestaltet sich in heftigen, einschneidenden Zuckungen, die verletzen und Schmerz bereiten. (Golon, Anne. Angélique und ihre Liebe. Gütersloh: Bertelsmann Reinhard Mohn OHG, 1977, Seite 92)

Juli 2017

Als Angélique erschien, fand sie Monsieur de Ville d'Avray in einer zwischen zwei Pfählen aufgehängten baumwollenen Hängematte. Sein Söhnchen spielte zu seinen Füßen mit Holzklötzen. »Das ist eine echte Hängematte von den Karibischen Inseln«, erklärte ihr der Gouverneur. »Äußerst bequem. Man muß es nur verstehen, sich richtig in ihr auszustrecken, von einer Ecke zur anderen, dann ruht man herrlich. Ich habe sie mir für ein paar Stränge Tabak von einem geflüchteten karibischen Sklaven eingehandelt.« (Golon, Anne. Angélique und die Dämonin. Gütersloh: Bertelsmann Reinhard Mohn OHG, 1978, Seite 250)

Juni 2017

Philippe du Plessis hatte sehr helle blaue Augen, die aber kalt wie Stahl wirkten. Der gleiche Blick, der die verblichenen Tapeten, das kümmerliche Feuer im Kamin und sogar den alten Großvater mit seiner altmodischen Halskrause gestreift hatte, wandte sich nach der Tür, und die blonden Brauen des Jünglings hoben sich, während sein Mund sich zu einem spöttischen Lächeln verzog: Madame de Sancé trat in Begleitung Hortenses und der beiden Tanten ein. (...) Angélique, die ihn nicht aus den Augen ließ, verspürte die größte Lust, ihm mit allen vieren ins Gesicht zu springen. War nicht vielmehr er selber lächerlich mit all seinen Spitzen, den wehenden Bändern auf der Schulter und den von der Schulter bis zu den Handgelenken aufgeschlitzten Ärmeln, die das feine Leinen des Hemdes sichtbar machen sollten? (Golon, Anne. Angélique. München: Blanvalet, 1956, Seite 43)

Mai 2017

Nie ist eine Frau verletzlicher, als wenn sie über eine Trennung hinweggetröstet werden will. Die Männer, die Ehemänner sollten das wissen. (...) Träumend in der einlullenden Bewegung des Schiffs, ließ sie ihre Gedanken sich im Mondlicht verlieren, ließ sie die Schatten der Männer, die sie einst gekannt hatte, zu sehr spezieller Auslese an sich vorüberdefilieren, und unter ihnen gewahrte sie, ohne recht zu wissen, warum, das offene Antlitz des Grafen de Loménie-Chambord und, fern, feierlich, aber so gütig, die edle Gestalt des Abbés von Nieul. (Golon, Anne. Angélique und die Versuchung. Gütersloh: Bertelsmann Reinhard Mohn OHG, 1978, Seite 197-198)

April 2017

Die Himbeersträucher um Abigaëls Haus zogen die Turteltauben an. Es waren hübsche, zartgliedrige und graziöse Vögel mit beigebläulichem Gefieder und schmalem langem Hals, deren ununterbrochenes Gurren etwas Einlullendes hatte. Wer nahe den Wäldern lebte, beklagte sich über sie, doch Abigaël, die sich an allem erfreute, liebte sie. Das Gurren schläferte die Kinder besser ein als jedes Wiegenlied. Lächelnd stand sie auf der Schwelle und blickte ihrem Gatten, der mit Angélique zu ihr heraufstieg, entgegen. »Ihr seid hoffentlich nicht eifersüchtig, Abigaël?« rief Angélique ihr schon von weitem zu. »Heute nicht. Aber ich bin's gewesen, und zwar schrecklich eifersüchtig, (...).« (Golon, Anne. Angélique triumphiert. Gütersloh: Bertelsmann Club GmbH, 1987, Seite 128)

März 2017

Bei der französischen Armee lud der König die Damen an seinen Tisch. Eines Abends fiel sein Blick beim Souper auf Angélique, die in seiner Nähe saß. Die Freude über die jüngsten Siege seiner Truppen und den intimeren, den er höchstpersönlich über Madame de Montespan davongetragen, hatte sein gewohntes Beobachtungs-vermögen um einiges geschmälert. Er glaubte die junge Frau zum erstenmal während des Feldzugs zu bemerken und fragte liebenswürdig: »Ihr habt also die Hauptstadt verlassen, Madame? Was tat sich in Paris, als Ihr abreistet?« Angélique sah ihm kühl ins Gesicht. »Sire, man ging zur Vesper.« »Ich meine, was es Neues gab?« »Grüne Erbsen, Sire.« (Golon, Anne. Angélique und der König. Wien: Buchgemeinschaft Donauland, 1959, Seite 206-207)

Februar 2017

Sie führte ihn in den anstoßenden Salon, wo sie eigens für ihn einen Tisch hatte decken lassen. Die Kerzen an beiden Enden beleuchteten eine mit Kastanien gefüllte, knusprig braun gebratene Pute. Schüsseln mit warmen und kalten Gemüsen, einem Aalgericht, Salaten und Früchten umgaben sie aufs appetitlichste. Zu Ehren des armen Mannes aus den Wäldern hatte Angélique besonders schönes Tafelgeschirr herausgegeben. (Golon, Anne. Angélique und der König. Wien: Buchgemeinschaft Donauland, 1959, Seite 411)

Januar 2017

Unter den Regimentern, die der König 1673 ins Poitou entsandte, befanden sich das 1. Regiment der Auvergne, befehligt von Monsieur de Riom, und fünf der ruhmreichsten Kompanien aus den Ardennen. Der König hatte von der abergläubischen Furcht der Soldaten vor den heimtückischen Fallen der Wildnis des Poitou gehört. Diejenigen, die er nun schickte, Söhne der Wälder der Auvergne und der Ardennen, waren seit ihrer Kindheit an die unheilkündende Dämmerung unter den Bäumen, an Wildschweine, Wölfe und Felsen gewöhnt und verstanden es, unsichtbaren Fährten zu folgen. Ihre Väter waren Holzschuhmacher, Holzfäller oder Kohlenbrenner. (...) Der König hatte gesagt: Vor dem Frühling. Der Winter würde den Krieg diesmal nicht zum Stillstand bringen. (Golon, Anne. Angélique, die Rebellin. Darmstadt: Deutsche Buch-Gemeinschaft, 1969, Seite 250-251)

Dezember 2016

Angélique sah in diesem Traumkleid fast unwirklich schön aus. Ihre bernsteinfarbene Haut, die sie gepudert hatte, schimmerte, ja, sie schien wie von innen her erleuchtet. (...) Delphine, das junge Kammermädchen, rief Henriette und Yolande und bat sogar den Schneider und Kouassi-Ba um Hilfe, denn diesen Mantel zu tragen, war keine leichte Sache. Er war aus weißem Pelz, mit feiner Wolle und weißem Satin gefüttert, er hatte eine weite Kapuze, und der Kragen war mit Gold- und Silberfäden bestickt. Man mußte achtgeben, daß er nicht am Boden schleifte, denn auf dem Schiff blitzte nicht gerade alles vor Sauberkeit. (Golon, Anne. Angélique, die Siegerin. Gütersloh: Bertelsmann Reinhard Mohn OHG, 1981, Seite 11-12)

November 2016

Florimond warf sich mit blitzenden Augen auf sein Lager zurück. »Ah, der Degen! Die wahre Waffe des Edelmanns. In diesem Kuhbauernland hier weiß man nicht mehr, was ein Degen ist. Man schlägt sich mit Keulen und Äxten wie die Indianer oder mit der Muskete wie ein Söldner. Man muß ihnen den Degen wieder in Erinnerung bringen. Er ist der Dolch der noblen Seelen! … Ah, wie schön wär’s, eines Tages zum Hahnrei gemacht zu werden und sich hinterher ein anständiges Duell leisten zu können!« (Golon, Anne. Angélique und Joffrey. Gütersloh: Bertelsmann Reinhard Mohn OHG, 1978, Seite 406)

Oktober 2016

Jäh verstärkte sich das Gebell der Meute, und ein in langen Sätzen dahinschießendes braunes Etwas wurde am Waldrand sichtbar. Es war der Hirsch, ein noch sehr junges Tier mit kaum gegabeltem Geweih. Einem weißen und fuchsroten Strome gleich, jagte die Masse der Hunde hinter ihm her. Dann brach ein Pferd aus dem Gebüsch hervor, auf dem eine Amazone in roter Reitjacke saß. Fast zu gleicher Zeit galoppierten aus allen Richtungen Reiter den Abhang hinunter, und von einem Augenblick zum andern war das idyllische Tälchen von einem barbarischen Lärm erfüllt, in dem sich das hartnäckige Bellen der Hunde, das Wiehern der Pferde, die Rufe der Jäger und das Geschmetter der Hörner, die das Halali bliesen, vermischten. (Golon, Anne. Angélique und der König. Wien: Buchgemeinschaft Donauland, 1959, Seite 34)

September 2016

Angélique fragte sich noch immer, ob er wirklich wußte, wohin er ritt, oder ob sie nur der Zufall schließlich doch zum sicheren Hafen führte. Hundertmal hatten sie sich verirren, hätten sie umkommen müssen. Aber Tatsache war, daß niemand umkam. Und seit drei Wochen hatten sich die Angehörigen der kleinen Karawane, die in der zweiten Oktoberhälfte von Gouldsboro aufgebrochen war, in ihr Schicksal gefügt: braungebrannt, die Augen blank vom gleißenden Licht, vom Blau des durch das vielfarbige Kaleidoskop des Laubwerks erspähten Himmels, in ihrer Kleidung die Gerüche der Holzfeuer und des Herbstes, des Harzes und der Himbeeren. In der ungewöhnlichen Wärme dieses Spätherbstes verflog der Dunst der Seen in den ersten Morgenstunden, enthüllte glitzernde, klare Wasserflächen und ließ im Unterholz eine Trockenheit zurück, deren Knacken weithin hallte. (Golon, Anne. Angélique und Joffrey. Gütersloh: Bertelsmann Reinhard Mohn OHG, 1978, Seite 9)

Juli - August 2016

Als sie den Quai de la Tournelle erreichte, nahm sie den Geruch frischen Heus wahr. Das erste Heu des Frühlings. Zillen reihten sich da mit ihrer leichten und duftenden Ladung aneinander. Sie sandten einen Schwall warmen Weihrauchs in die Pariser Morgendämmerung, das Aroma tausend getrockneter Blüten, die Verheißung schöner Tage. (...) Sie watete ins Wasser und schwang sich auf einen der Kähne. Dann wühlte sie sich wollüstig ins Heu. Unter der Plane war der Duft noch berauschender: feucht, warm und gewitterschwanger wie ein Sommertag. Woher dieses frühe Heu wohl kam? Von einem stillen und reichen, fruchtbaren, von der Sonne verwöhnten Landstrich. Dieses Heu brachte die friedliche Weite luftiger Horizonte mit sich und auch das Mysterium eingeschlossener Täler, die die Wärme speichern und mit ihr die Erde nähren. (Golon, Anne. Angélique. Berlin: Blanvalet, 1956, Seite 534)

Mai - Juni 2016

Angélique wüste das ihr Kind würde einen Weg gehen, auf dem sie ihm nicht folgen könnte. Die Minuten, die sie jetzt miteinander verbrachten, würden nie wiederkehren. Lange Zeit würde vergehen, bis sie wieder mit Honorine sprechen könnte, und das Mädchen würde nicht mehr dasselbe sein, wenn sie sich wiedersahen. Heute sprach sie noch mit der Naivität eines Kindes. Bis zum nächsten Wiedersehen würde sie gelernt haben alle Gedanken durch den Filter der Vernunft zu schicken. War das nicht der Ziel jeder Erziehung? Honorine werde lernen, was man tut, wie man denkt, ob man etwas sagt oder ob man es besser verschweigt. Und das war schade. Es war recht lustig. Honorine zuzuhören, so wie sie heute war. (Golon, Anne. Angélique und die Hoffnung. Herrsching: Schuler Verlag, 1990)

April 2016

Es war ein langer, lichter Frühlingsabend; am Himmel von Paris jagten sich die Schwalben. Die untergehende Sonne warf goldene Tupfen in den Salon. Doch die Heiterkeit der Natur vermochte Angéliques Beklommenheit nicht zu lösen. Ihre Finger spielten nervös mit einem auf ihrem Schoß liegenden Päckchen. (...) Sie hatte sich vorher überlegt, welche Haltung sie dem alten Freunde gegenüber annehmen sollte, den sie seit langen Jahren nicht mehr gesehen hatte. In der panischen Angst, die sie zu ihm trieb, hätte sie sich ihm am liebsten an den Hals geworfen, aber es war ihr klargeworden, daß sich in ihrer Stellung dergleichen nicht schickte. Zuviel Zeit war inzwischen verstrichen, die sie voneinander entfernt hatte, und auch er war gewiß ein anderer geworden. (Golon, Anne. Angélique und der König. Wien: Buchgemeinschaft Donauland, 1959, Seite 485)

März 2016

»Maister Berne, (...) Hier in der Neuen Welt sind wir zwar alle voneinander verschieden, aber einander doch ähnlich. Und das schweißt uns zusammen und macht unsere Stärke aus. Wie oft senke ich die Augen und sehe Eure Schuhe an...« »Meine Schuhe? Was soll denn das?« »Ich weiß nicht, ob es noch dieselben sind, die ich vom Lichtschacht meiner Gefängniszelle aus sah: die Schuhe meines Retters! Er war ein Mann, der draußen vorbeiging, war er ein Bürger, ein Richter, ein Wächter, ein Priester oder Edelmann? Ich rief ihm zu: "Wer Ihr auch sein mögt, rettet mein Kind, das ich allein im Wald zurückgelassen habe!" Und wegen dieser Erinnerung werde ich mich nie mit Euch überwerfen, wenn Ihr es auch schon oft genug verdient hättet!« (Golon, Anne. Angélique triumphiert. Herrsching: Schuler Verlag, 1990, Seite 131)

Februar 2016

Nach kurzer Rast machten sie sich von neuem auf den Weg. Sie sprachen wenig, bewahrten ihre Kräfte für die fast übermenschliche Anstrengung des langen Marsches. Die mit Kordeln bespannten Schneereifen behinderten sie bei jedem Schritt, da sie nicht immer ausreichten, sie an der Oberfläche des weichen oder pudrigen Schnees zu halten. Kaum hatten sie sie mühsam herausgezogen, sanken sie unter ihrer Last von neuem ein. Florimond erklärte brummend, daß man für das Gehen im Schnee unbedingt etwas Neues erfinden müsse. (...) Florimonds Muskeln schmerzten ihn. Er, der sich jung und stark glaubte, stellte fest, daß er schwächli-che Arme hatte, wenn er zehnmal hintereinander in zwanzig Minuten den notwendigen Kraftaufwand aufbringen mußte, um sich an den Zweigen einer Tanne aus einer Schneeverwehung zu ziehen. (Golon, Anne. Angélique und Joffrey. Stuttgart: Deutscher Bücherbund, 1969, Seite 579-580)

Januar 2016

Kouassi-Ba ging hinter ihnen entlang und legte mit seiner schwarzen Hand, der Hand eines Weisen aus dem Morgenlande, vor jedem einen Goldbarren auf den Tisch. (...) Der alte Eloi schwenkte seinen Anteil. »Ihr habt Euch geirrt, Herr Graf. Ich gehöre nicht zu Euren Leuten. Ich bin einfach gekommen und bin geblieben. Ihr schuldet mir nichts.« »Du bist der Arbeitsmann der elften Stunde, alter Freibeuter,« erwiderte Peyrac. »Kennst du dein Evangelium? … Ja? Nun, denk darüber nach und nimm, was man dir gibt. Du wirst dir ein neues Kanu und Handelsware für zwei Jahre leisten und alles Pelzwerk des Westens dafür eintauschen. Deine Konkurrenten werden vor Neid erblassen.« (Golon, Anne. Angélique und Joffrey. Stuttgart: Deutscher Bücherbund, 1969, Seite 655 und 657)

Dezember 2015

Madame de La Vaudière triumphierte. »Das dachte ich mir doch! Herr de Peyrac ist bei den Jesuiten.« (...) Frau de la Vaudière schien mit den Örtlichkeiten vertraut und keinerlei Furcht zu empfinden. Sie ließ sich nicht wie Angélique von der Gekachelten Vorhalle beeindrucken, in der einige Stühle standen und die nur ein grosses Kruzifix an der Wand und ein Weihwasserbecken rechts neben der Tür schmückte. Bérengère-Aimée tauchte die Fingerspitzen mit einer Mischung aus Ungezwungenheit und Demut hinein, die als ein Meisterwerk weiblicher Anmut und Scheinheiligkeit betrachtet werden musste. Dabei zeigte si einen nicht zu bestreitende Charme und die ebenso heitere wie fromme Ungezwungenheit, die einer bestimmten Kategorie von Engeln eigen ist, welche den Thron des Allerhöchstens umgeben und kaum eine andere Rolle zu spielen scheinen, als eine etwas schalkhafte Note einzubringen. (Golon, Anne. Angélique, die Siegerin. Gütersloh: Bertelsmann, 1981, Seite 200)

November 2015

Und so spürten sie alle, gleichermaßen beruhigt und erregt von diesen märchenhaften Geschichten, wie in ihnen die kristallklare diamantharte Seele der Provinzen aufblühte, und in der Stille wurden sie sich mit Wonne der dicken schützenden Mauer ringsum bewusst, der treuen Wehrhaftigkeit des alten Bauwerks, das wie eine schwarze felsige Insel in der Dunkelheit aufragte, zwischen den beiden ursprünglichen Elementen der Schöpfung, dem Wasser der Sümpfe in der einstigen Meeresbucht, aus der sich die brackigen Fluten des Ozeans zurückzogen hatten, und dem sanften Kräuseln des riesigen keltischen Waldes, der die Landspitzen am Ende der Welt bedeckte. (Golon Anne. Angélique. Die junge Marquise. München: Weltbild, 2012, Seite 24)

Oktober 2015

Es gelüstete sie nach allen köstlichen und wertvollen Dingen, die das Leben zu bieten hatte. Dieser Hunger nach Besitz war die Reaktion auf die Jahre des Elends, die sie durchgemacht hatte. Wunderbarerweise war es nicht zu spät für sie. (...) Sie staunte zuweilen und dankte insgeheim dem Himmel, daß sie nicht für immer gebrochen aus ih-ren Prüfungen hervorgegangen war. Im Gegenteil, ihr Geist blieb jugendlich und ihre Begeisterungsfähigkeit ungemindert. Sie besaß mehr Erfahrung als die Mehrzahl der jungen Frauen ihres Alters, und sie war weniger ernüchtert. Ihr Leben war durchsetzt mit kleinen Freuden und voller Wunder gleich dem der Kinder. Konnte man mit vollem Genuß in ein Stück frischen Brotes beißen, wenn man den Hunger nicht kennen-gelernt hatte? Und hatte man nicht Anlaß, sich für die glücklichste Frau der Welt zu halten, wenn man einmal barfuß durch die Straßen von Paris gewandert war? (Golon, Anne. Angélique und der König. Stuttgart: Deutscher Bücherbund, 1961, Seite 7-8)

September 2015

Angélique stritt sich mit den Vögeln um die letzten roten Früchte der Eberesche und die schwarzen des Holunders. Mit ih-nen würde sie Fieber, Bronchitis und rheumatische Schmerzen bekämpfen. Sie schickte Elvire und die Kinder zum Pflücken von allem, was sich noch an Eßbarem an Büschen, im Wald oder auf der Heide finden ließ: verschiede-ne Beerenarten, Heidelbeeren, Preiselbeeren, kleine, verkümmerte wilde Äpfel oder Birnen. Es schien wenig, wenn man die vielen Mägen in Betracht zog, die gesättigt werden wollten, aber der Wert der kümmerlichen Ernte war groß, denn eine kleine Dosis dieser getrockneten Früchte würde viel-leicht schon genügen, sie gegen Ende des Winters vor dem Skorbut zu bewahren. (Golon, Anne. Angélique und Joffrey. Stuttgart: Deutscher Bücherbund, 1969, Seite 407)

Juli - August 2015

Die Wächter hatten Angélique losgelassen. Sie wandte sich um und entdeckte das Meer, die endlose, amethystfarbene, silberdurchfurchte Flache. Unvorstellbar, daß auf der anderen Seite dieses Traumbilds die europäischen Gestade lagen, ihre hohen Häuser aus braunem oder grauem Stein, deren Mauern tausend der Neugier dienende Öffnungen hatten, deren Dächer jedoch dem Himmel verschlossen waren. Angélique lehnte sich an die Brüstung. Auf dieser Terrasse befanden sich noch andere Frauen. Stumm hockten sie auf ihren Polstern, und auch die Dienerinnen, die ihnen Tee einschenkten und Kuchen reichten, schienen noch schüchtern,... (Golon, Anne. Unbezähmbare Angélique. Stuttgart: Deutscher Bücherbund, 1962, Seite 535)

Juni 2015

»Und ich finde, daß Ihr und Eure Familie reichlich empfindliche Leute seid«, gab Angélique zurück, deren Zorn die Angst besiegte. »Ob man Euch feiert oder hätschelt, Ihr ärgert Euch, weil der Edelmann, der Euch bei sich empfängt, reicher zu sein scheint als Ihr. Wenn man Euch Geschenke darbringt, so ist das eine Unverschämtheit; wenn man Euch nicht ehrerbietig genug grüßt, desgleichen. Wenn man nicht wie ein Bettler lebt und nicht so lange die Hand hinhält, bis der Staat ruiniert ist, wie das so üblich ist, dann ist das verletzende Arroganz. Wenn man seine Steuern auf Heller und Pfennig bezahlt, so ist das eine Herausforderung. ...Eine Bande von Zänkern, das ist es, was Ihr seid, Ihr, Euer Bruder, Eure Mutter und Eure ganze heimtückische Vetternschaft: Condé, Montpensier, Soissons, Guise, Lorraine, Vendôme...« (Golon, Anne. Angélique. Berlin: Blanvalet, 1956, Seite 326)

April - Mai 2015

Der Pförtner schüttelte den Kopf. Die Heilige Wo-che stand unmittelbar bevor. Das Kloster hatte sich schon gegen die Außenwelt verschlossen. Wirklich lastete ein noch drückenderes Schweigen als gewöhnlich über der Abtei, Die geweihten Männer sammelten sich für die Wallfahrt der Tage vor Ostern. Die Frau mußte sich entfernen. (...) Drei Wochen zuvor hatte sie sich gerade hier, von schneidender Kälte gepeinigt, durch den Schnee ge-schleppt, hatte sie in ihrem Fleisch die ganze Grau-samkeit des harten Winters erlitten. Heute schien das Tal wie mit grünem Samt ausgeschlagen, der Bach, dessen Eis sie damals überquert hatte, hüpfte spru-delnd wie ein junges Zicklein, Veilchen schmückten den Saum des Waldes. Der Kuckuck stieß seinen leichtfertigen Ruf aus. Er kündigte laue Lüfte und das Aufblühen der Blumen an, er vollendete den Frühling. Angéliques Blick feuchtete sich vor diesen Wun-dern. Auch Natur und Leben warteten also mit huldreichen Überraschungen auf. Aus einem langen und strengen Winter sproß mit verdoppelter Kraft der Reichtum der Blätter, Gräser und Blüten... (Golon, Anne. Angélique, die Rebellin. Stuttgart: Deutscher Bücherbund, 1963, Seite 373-374.)

März 2015

Diese letzte Schwelle, die es zu überschreiten galt, um wieder im Licht des Sonnenkönigs zu erscheinen – die Verheiratung mit Philippe –, erwies sich als zu hoch. Übrigens, sagte sie sich jetzt, hatte sie immer gewußt, daß es zu schwierig sein, daß sie nicht genug Kraft haben würde. Sie war verbraucht, am Ende… Sie war nur eine Schokoladeverkäuferin und würde niemals vom Adel anerkannt werden. Man empfing sie, aber man nahm sie nicht auf… Versailles! Versailles! Der Glanz des Hofs, der strahlende Sonnenkönig! Philippe! Der schöne, unnahbare Gott Mars…! Sie würde auf das Niveau eines Audiger zurückgleiten, und ihre Kinder würden nie Edelleute werden… Sie war so in ihre Gedanken versponnen, daß sie nicht merkte, wie die Zeit verrann. Das Feuer erlosch im Kamin, die Kerze blakte. (Golon, Anne. Angélique. Berlin: Blanvalet, 1956, Seite 743)

Februar 2015

»Meine Lämmlein«, sagte Monsieur Vincent, »ihr Kinder des lieben Gottes, ihr habt versucht, die grüne Frucht der Liebe zu naschen. Deshalb sind eure Zähne stumpf und eure Herzen voller Traurigkeit. So laßt an der Sonne des Lebens reifen, was zu seiner Zeit sich entfalten wird. Man darf keine Irrwege gehen, wenn man die Liebe sucht, denn dann findet man sie womöglich nie. Welch grausame Strafe für die Ungeduld und die Schwäche, sein Leben lang dazu verdammt zu sein, nur in bittere und saftlose Früchte zu beißen!(...)« (...) Angélique schaute starr vor sich hin, bis sie die Pforte des Klosters erreichte. Ein großer Friede erfüllte sie. Seltsam, sie hatte den Pagen vergessen und jenen enttäuschenden Vorgeschmack fleischlicher Lust. Doch ihre Schulter bewahrte die Erinnerung an eine alte, warme Hand. (Golon, Anne. Angélique. Berlin: Blanvalet, 1956, Seite 94-95)

Januar 2015

»Was haltet Ihr von einem Sturm vor der Küste Neuschottlands? Prachtvoll, nicht wahr? Nicht zu vergleichen mit den Miniaturstürmen des kümmerlichen Mittelmeers. Glücklicherweise ist die Welt weit und kommt einem nicht nur mit Harmlosigkeiten.« Er lachte. Dieses Lachen empörte Angélique so sehr, daß es ihr trotz des Bleigewichts ihres mit Wasser vollgesogenen Rocks gelang, sich aufzurichten. »Ihr lacht!« rief sie zornig. »Ihr lacht über alle Stürme, Joffrey de Peyrac, über alle Qualen. Ihr singt auf dem Vorplatz von Notre Dame. Was kümmert’s Euch, daß ich weine? Was kümmert’s Euch, daß ich mich vor Stürmen ängstige, selbst denen des Mittelmeers, ohne Euch?« (Golon, Anne. Angélique und ihre Liebe. München: Blanvalet, 1963, Seite ...)

Dezember 2014

So geht ein Mann fort in die Wüste. Die vier Adventwochen begannen. Weihnachten rückte näher. Weihnachten! Weihnachten! Und wären die Glocken läuten und der Atem des Lebens aus allen Schornsteinen steigt und die Düfte der Festessen sich mit den Gerüchen nach Weihrauch und brennenden Kerzen vermischen. Die zum eisigen Himmel hinaufströmen, um dem Schöpfer zu zeigen, dass hier Menschen sind in dieser unmenschlichen Wüste, entfernt sich ein Mann der durch das Gehorsamgelübde gebunden ist, von jeder sicheren Zuflucht, verlässt ein Schwarzrock mit dem schweren Schritt seiner Schneeschuhe den Kreis seiner Freunde, die liebende Mitte der Seinen und das Allerheiligste seiner Werke und seiner Taten. (Golon, Anne. Angélique, die Siegerin, Fünfter Teil. München: Blanvalet, 1980, Seite 295)

November 2014

Inmitten der Schaluppen im Bassin verankert, zwischen zwei kleinen englischen Fahrzeugen, einer neapolitanischen Feluke und einer biskayischen Galeere, schaukelte das große Schiff wie ein Schmetterling auf dem grünen Teppich. Es war eine mit kleinen bronzenen Kanonen bestückte Miniaturfregatte, deren mit Lilien, Muscheln und Meeresgöttern verzierter Rumpf golden glänzte. Die Taue waren aus rosa oder purpurner Seide, das Schanzkleid und die Behänge aus Damast und Brokat, mit goldenen und silbernen Fransen besetzt. An den Segeln und den blau und goldfarben bemalten Masten wehten die Wimpel, die Fahnen und Stander in einer heiteren, bunten Symphonie, und überall blinkten in Gold und Silber das Wappen und die Initialen des Königs. Von diesem Kleinod, diesem glitzernden Spielzeug aus machte Ludwig XIV. heute seinem Hof die Honneurs. Den Fuß auf die Treppe aus vergoldetem Holze setzend, wandte er sich den Damen zu. Wer würde erwählt werden, um an seiner Seite den Wasserweg zu den Wiesen des Trianon einzuweihen? In pfauenblauen Atlas gekleidet, hatte sich der König dem strahlenden Sommertag angepaßt. Er lächelte und streckte die Hand nach Angélique aus. Vor den Augen des ganzen Hofs stieg sie anmutig die Stufen hinauf und ließ sich unter dem brokatenen Zeltdach des Achterdecks nieder. Der König setzte sich neben sie. (Golon, Anne. Angélique und der König. München: Blanvalet, 1967, Seite 761)

Oktober 2014

Da kommen viel zu viele Menschen, die wir nicht kennen. Freunde von Monsieur de Peyrac, die, anders als wir, die wir in Toulouse leben, nicht häufig Gelegenheit haben, sich seiner Gegenwart zu erfreuen. Lieber überlassen wir denen, die tief in ihrer Provinz und fern von Vergnügungen leben, unseren Platz; denn für viele ist dies so etwas wie eine Reise nach Kythera. Je weniger sie erkannt werden, umso glücklicher sind sie. Zum großen Eröffnungsfest am ersten Abend erscheinen diejenigen, die dies wünschen, maskiert. Und die Gäste werden einander nicht vorgestellt. Nur wer möchte, nennt seinen Namen. (Golon, Anne. Angélique - Hochzeit wider Willen. München: Blanvalet, 2008, Seite 235)

September 2014

»Die Infantin soll noch Hüftpolster tragen und so große eiserne Reifen, daß sie sich seitwärts drehen muß, wenn sie durch eine Tür geht.« »Ihr Schnürleib zwängte sie dermaßen ein, daß sie gar keinen Busen zu haben scheint, während sie in Wirklichkeit einen sehr schönen haben soll«, steuerte Madame de Motteville bei und bauschte ein paar Spitzen auf, die ihre magere Brust einrahmten. Joffrey wandte ihr seinen boshaftesten Blick zu. »Die Madrider Schneider müssen wirklich wenig geschickt sein«, sagte er, »wenn sie das Schöne der-maßen verunstalten, während die Pariser sich doch so glänzend darauf verstehen, das vorzutäuschen, was nicht mehr da ist.« (Golon, Anne. Angélique. München: Blanvalet, 1956, Seite 224)

Juli - August 2014

Sie war im siebten Monat einer Schwangerschaft, der fünften in sechs Jahren. Sie war erst dreiundzwanzig, hatte einen strahlenden Liebesroman hinter sich und ein tränenreiches Leben vor sich. Noch im Frühjahr hatte Mademoiselle de La Vallière als Amazone einen letzten blendenden Auftritt gehabt. Heute war sie kaum mehr zu erken-nen, so gründlich hatte sie sich verändert. »Dahin also kann die Liebe zu einem Mann eine Frau bringen«, sagte sich Angélique, und ihr Zorn erwachte von neuem. (Golon, Anne. Angélique und der König. München: Blanvalet, 1967, Seite 278)